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Erdbeben, Tsunami und Kernkraftwerk:
Und die Menschen?

22. März 2011

Karte
Karte des Erdbebengebiets mit Epizentrum und makroseismischer Erdbebenstärke nach der japanischen JMA-Skala. Stärke 7 ist der höchste definierte Wert.
(Karte: Pekachu*)

Am Freitag, dem 11. März 2011 um 14:46 Uhr wurde fast ganz Japan durch das schwerste bisher dort gemessene Erdbeben erschüttert. Am schlimmsten war jedoch der durch das Hauptbeben ausgelöste Tsunami, der in mehreren bis zu 23m hohen Wellen und mit einer Kraft von bis zu 50t/m2 alles zerstörte, was sich ihm an der über 600km langen Pazifikküste der japanischen Hauptinsel in den Weg stellte. Auf das Hauptbeben mit der Magnitude 9,0 folgten noch tagelang schwere Nachbeben, auf die zum Teil neue Tsunamiwarnungen folgten. Hinzu kam dann noch die Havarie des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, das bei dem Beben automatisch heruntergefahren wurde, aber aufgrund der Schäden durch den Tsunami nicht weiter gekühlt werden konnte.

Medienberichte in Deutschland legen ihren Fokus auf den havarierten Reaktor, das menschliche Leid ist oft höchstens eine Randnotiz. Die allgemeine Hysterie und das Aufwärmen tradierter Japan-Klischees in den Medien haben unter Japanologen und in der deutschen Gemeinde in Japan bereits für viel Verärgerung und große Frustration gesorgt.

Das bedeutet aber nicht, dass sich hier niemand für das Schicksal der Menschen in der Region interessiert. Da ich immer wieder gefragt werde, wie es sein kann, dass so viele Menschen auch eine Woche nach dem Tsunami unversorgt sind und was nun wird, habe ich mich entschlossen, hier einen kurzen Überblick über die humanitäre Lage zu veröffentlichen, der sich vor allem auf Berichte in den japanischen Medien stützt.

Inhalt
Link Leben in Notunterkünften…  ||  Link …und außerhalb von Notunterkünften ||  Link Verwaltung und Infrastruktur am Boden ||  Link Lichtblicke ||  Link Geschüttelt, aber nicht gerührt? ||  Link Hilfe wird dringend gebraucht!

Leben in Notunterkünften…

Eiszapfen
Die bizarre Schönheit des Fotos täuscht über den Ernst der Lage hinweg: Eiszapfen um eine beim Beben geborstene Wasserleitung
(Foto: Daniel Sanford, U.S. Navy)

Bei einem Tsunami hilft nur eins: So schnell es geht einen erhöhten Punkt suchen und hoffen, dass er hoch genug ist und der Kraft des Wassers standhält. Die Zeit, Angehörige, Wertsachen oder das Notwendigste zum Überleben zusammenzusuchen, bleibt nicht.

Aber auch wer eine Notunterkunft erreicht hat, kann noch nicht aufatmen. Viele Menschen haben Familienmitglieder oder Freunde verloren, manche kamen nass und unterkühlt an. Im Nordosten Japans herrschten während der ersten Woche nach dem Beben Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, direkt nach dem Tsunami hat es geschneit. Obwohl sofort versucht wurde, die Schäden zu erfassen und Hilfsgüter zu versenden, waren die Zerstörungen so groß, dass die Menschen – kleine Kinder, Schwangere, Alte und Bettlägerige eingeschlossen – tagelang unversorgt waren.

In der ersten Woche gab es in vielen Notunterkünften kein warmes Essen, weil Gas, Strom und Wasser unterbrochen waren, aber auch die Lebensmittelvorräte, die kalt verzehrt werden konnten, waren schnell aufgebraucht. Viele Menschen kamen in Turnhallen und Schulen unter, die in Japan als Katastrophenfluchtorte besonders sicher gebaut sind. Da es kaum Öfen gab, konnten diese aber trotz der winterlichen Temperaturen nicht richtig geheizt werden, viele Menschen mussten tagelang in Turnhallen mit zwei oder drei kleinen Zimmerölöfen, die nur von 3 Uhr morgens bis 6 Uhr morgens liefen, auskommen.

Neben der Kälte führt auch der Stress dazu, dass immer mehr Menschen erkranken oder sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert. Und kaum jemand hatte die Gelegenheit gehabt, auf der Flucht vor dem Tsunami seine Medikamente einzustecken. Hinzu kommen Erkrankungen, die sich nur durch den Tsunami und die Jahreszeit erklären lassen: Viele Menschen waren derart ausgekühlt, dass ihr Körper irgendwann einfach aufhörte, zu funktionieren.

Aber nicht nur die Versorgung der Lebenden bereitet Probleme: Inzwischen sind viele Tote identifiziert, aber nur ein Teil konnte an die Familien zurückgegeben werden, weil so viele derzeit in Notunterkünften wohnen.

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…und außerhalb von Notunterkünften

Aber es gibt auch Menschen, die außerhalb von Notunterkünften leben, zum Teil, weil sie dort keinen Platz mehr gefunden haben. Sie wohnen zumeist in ihren Autos oder in ihren halb zerstörten Häusern, deren völligen Einsturz man bei jedem größeren Nachbeben fürchten muss. Und wer schon einmal in seinem Auto geschlafen hat, weiß, wie unbequem und kalt das sein kann. Hinzu kommt, dass sie – genau wie Reisende auf Interkontinentalflügen – durch das lange Stillsitzen auf beengtem Raum besonders trombosegefährdet sind.

Wer außerhalb der Notunterkünfte zu überleben versucht ist außerdem für Hilfe und aktuelle Informationen nur schwer zu erreichen.

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Verwaltung und Infrastruktur am Boden

Ishinomaki
Ishinomaki nach dem Beben: Im Vordergrund ist eine zerstörte Werft zu sehen, dahinter liegt ein Frachtschiff auf den Wellenbrecher des Yachthafens, ein weiteres Wrack liegt im Hafenbecken. Wo im Hintergrund eigentlich nur ein schmaler Kanal sein sollte, erstreckt sich ein breites Band überfluteten Landes (derselbe Ort auf Weblink Google maps).
(Foto: Ben Farone, U.S. Navy)

Bei dem Tsunami wurden nicht nur die Wohnungen und Arbeitsplätze der Menschen zerstört, sondern auch die Verwaltungen, die normalerweise die Rettungsarbeiten und die Versorgung nach Naturkatastrophen organisieren. Wenn Melderegister verloren gegangen sind, gibt es keine Daten mehr über die Bevölkerung. Und in einigen Orten haben auch nur wenige Verwaltungsmitarbeiter überlebt.

Vor welche Probleme einen das stellt, merkt man schon beim Geld abheben: Hat man die Bankkarte und alle Ausweise sowie seine Geburtsurkunde verloren, kann man nicht einmal mehr auf die Daten der Behörden zurückgreifen. Die Banken bieten den Menschen im Katastrophengebiet deshalb an, dass sie auch ohne Papiere einen gewissen Betrag abheben können, wenn sie glaubhaft machen können, wer sie sind.

Ein weiteres Problem sind die schweren Schäden an der Infrastruktur, die eine Versorgung des riesigen Gebiets zunächst unmöglich machten.

Die Straßen sind an zahllosen Stellen zerstört oder unter Schlamm und Bauschutt begraben. Die Joban-Autobahn wurde als erstes geräumt, war aber nur für Rettungsfahrzeuge und Kraftstofflieferungen freigegeben. Trotzdem kam man mit dem LKW nicht weit, da die Nationalstraße an der Pazifikküste nicht passierbar war, so dass andere Routen gesucht werden mussten, die unweigerlich durch die verschneiten Berge führten. Und selbst dann war noch nicht alles überstanden: An Tankstellen, die noch funktionierten, war der Treibstoff schnell ausverkauft, so dass die Rückfahrt nicht gesichert war.

Für kürzere Distanzen hat sich übrigens das Fahrrad bewährt: Als in der Nacht nach dem Beben alle Busse und Bahnen in Tokyo stillstanden, waren schnell alle Fahrräder ausverkauft. Und es ist auch einfacher, Fahrräder aus dem Schlamm und Schutt der Küstenregion zu graben und sie wieder flott zu machen, als Autos.

Eiszapfen
Blick auf den Hafen von Sendai. Im Vordergrund verläuft die Präfekturstraße 10, im Hintergrund sind brennende Hafenanlagen zu sehen. Durch Bodenabsenkungen konnte das Seewasser nach dem Tsunami nicht mehr ablaufen (derselbe Ort auf Weblink Google maps).
(Foto: U.S. Navy)

Auch die Bahn brauchte einige Tage, um wieder zu rollen. Zuerst mussten alle Strecken geprüft werden, dann war aufgrund der Kraftwerkausfälle, die auch viele Kohle- und andere Kraftwerke betrafen, nicht genug Fahrstrom für Güterzüge vorhanden. Die Hauptbahnlinie an der Ostküste war zudem aufgrund des Tsunami unpassierbar, so dass eine Verbindung an der Westküste, die über die Nordspitze Honshus nach Morioka führt, hergestellt werden musste.

Auch die Versorgung per Schiff war anfangs schwierig, da nur noch in Aomori an der Nordspitze Honshus oder Niigata Häfen waren – letzterer hätte aber wiederum einen Warentransport über die Berge notwendig gemacht. Eine große Zahl von Leuchttürmen und Seezeichen hat den Tsunami nicht überstanden, und an der sowieso schon schwierigen Felsenküste haben Wracks und auf das Meer gespülter Schutt die Navigation weiter erschwert. Trotzdem war der Hafen von Sendai schon in der ersten Woche soweit wieder hergestellt, dass Hilfsgüter angeliefert werden konnten.

Hinzu kommt, dass der Küstenstreifen aufgrund der tektonischen Veränderungen bis zu 70cm abgesunken ist und nun teilweise unter dem Meeresspiegel liegt. Deshalb kann das Wasser nicht ablaufen, und zu allem Überfluss sind die Wasserstände aufgrund des gegenwärtigen Springhochwassers höher als sonst.

Diese Katastrophe hat außerdem sehr deutlich gemacht, wie abhängig wir uns von der Elektrizität gemacht haben: Ohne Strom funktioniert keine Ölheizung, keine Tankstelle und leider auch kein Atomkraftwerk (selbst wenn es schon "abgeschaltet" ist).

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Lichtblicke

Feuerwehr
Feuerwehrautos und Spuren im Schlamm. Von den meisten Häusern sind nur noch die Fundamente zu erkennen.
(Foto: Dylan McCord, U.S. Navy)

Trotz aller Tristesse und der Flut der negativen Meldungen haben die japanischen Medien täglich Lichtblicke gezeigt. Sei es, dass plötzlich größere Gruppen von Vermissten wieder aufgetaucht sind, sei es, dass sich in einer Notunterkunft ein Schulchor zusammenfindet, um zu singen, oder sei es, dass jemand aus seinem zerstörten Fahrradgeschäft Werkzeuge und Ersatzteile zusammensucht, um anderen Menschen kostenlos ihre Räder wieder fahrtüchtig zu machen. Auch die Zeugnisvergabe wird in vielen Schulen trotz aller widrigen Umstände durchgeführt.

Aber es gibt auch immer wieder unglaubliche Geschichten des Überlebens. Der 60jährige Hiromitsu Shinkawa wurde zwei Tage nach dem Erdbeben 15km von der Küste entfernt auf dem Dach seines Hauses im Pazifik treibend gefunden und gerettet. Und nach unglaublichen zehn Tagen, die sie verschüttet in den Trümmern ihrer Küche verbracht haben, wurden die 80jährige Sumi Abe und ihr 16jähriger Enkel Jin in Ishinomaki gerettet.

Rettungskräfte sind noch immer in dem Gebiet unterwegs, auch wenn die Chancen, Lebende zu finden, inzwischen gering sind. Aber sie suchen beim Aufräumen auch nach den Erinnerungen der Menschen, um sie ihnen zurückzugeben: Inzwischen sind schon mehrere Lastwagenladungen mit Fotos, Unterlagen und persönlichen Gegenständen zusammengekommen.

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Geschüttelt, aber nicht gerührt?

In den deutschen Medien liest man immer wieder Vermutungen darüber, dass Japaner besonders stoisch sind und auch in einer derzeitigen Situation ruhig bleiben und keine Gefühle zeigen. Aber stimmt das eigentlich?

Mit allen, die die Ereignisse in Japan verfolgen, teile ich den großen Respekt vor allen unermüdlichen Anstrengungen, die Katastrophe einzudämmen und den Menschen zu helfen. Solidarität wird im ganzen Land und im Ausland gezeigt, und die ist auch nötig.

Was nicht stimmt ist, dass in Japan niemand Emotionen zeigt. Sicher waren viele an den ersten Tagen wie gelähmt im Angesicht des Ausmaßes der Schäden, aber die japanischen Medien lassen keinen Zweifel an Mutlosigkeit, Angst und Verzweiflung, die man zeitweise sogar den Berichterstattern ansah. Allerdings sind Mimik und Körpersprache kulturspezifisch: Wer nicht gelernt hat, sie zu lesen, missversteht sie leicht.

Und auch dass alle anpacken statt in Panik zu verfallen sollte nicht überraschen. Ist es bei Hochwasser an Elbe, Rhein oder Oder etwa anders? Oder ist das dann etwa nur "preußische Disziplin"?

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Hilfe wird dringend gebraucht!

Kiriri
Eine Woche nach dem Beben ist die Nationalstraße 45 in Kirikiri bereits geräumt. Im Hintergrund der zerstörte Yachthafen. Alle Wellenbrecher, die parallel zur Küste verliefen, sind weggespült, Fischerboote und Yachten liegen auf dem Strand. Von den meisten Gebäuden sind nur die Fundamente geblieben, auf einigen Dächern liegt noch Schnee (derselbe Ort auf Weblink Google maps).
(Foto: Dylan McCord, U.S. Navy)

Ganz Japan kämpft derzeit mit den Versorgungsengpässen in der Region und leitet Ressourcen dorthin um. Das bedeutet aber trotzdem nicht, dass ein schneller Wiederaufbau möglich ist. Viele Menschen stehen vor dem Nichts, Versicherungen gegen Naturkatastrophen sind in Japan aufgrund des hohen Risikos unerschwinglich und entsprechend selten. Deshalb wird nicht nur eine Nothilfe gebraucht, die die Menschen aus dem Regen holt, sondern eine längerfristige Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, sich selbst trockene Kleider herzustellen und sich vor dem nächsten Regen zu schützen.

Derzeit wird überall um Spenden für Japan geworben. Dabei gilt: Geldspenden sind besser als Sachspenden, und zweckgebundene Spenden sollten vermieden werden, da sie oft am Bedarf vor Ort vorbei gehen. Statt an Unbekannte sollte man nur an zuverlässige Organisationen mit Partnerorganisationen vor Ort spenden. Das deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (dzi) hat eine Weblink Übersicht (pdf, 58kb) zusammengestellt, in der nicht nur vertrauenswürdige Organisationen genannt sind, sondern auch betont wird, dass selbst ein reiches Industrieland wie Japan aufgrund des Ausmaßes der Schäden Hilfe braucht. Gerade im Internet wird derzeit leider vor Fallen und Betrügern gewarnt, die die Gutmütigkeit und Leichtgläubigkeit der Menschen in dieser Situation ausnutzen.

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Zuletzt geändert am 22.03.2011
© Susanne Elfferding. All rights reserved.

Die Karte wurde aus Weblink Wikimedia Commons entnommen, die Originaldatei befindet sich Weblink hier. Zeichner: Pekachu. Lizenz: Creative Commons Weblink Attribution ShareAlike 3.0.